# Matthäus 1:21 (Schlachter 1951)

> Sie wird aber einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.

## Was es bedeutet

Lies den Satz langsam. Der Engel spricht zu Josef, der gerade herausgefunden hat, dass seine Verlobte schwanger ist – und nicht von ihm. Man würde erwarten, dass der Engel jetzt erklärt, wer der Vater ist. Stattdessen springt er direkt zum Namen und zur Aufgabe des Kindes: „Du sollst ihm den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.“ Der Name kommt zuerst, dann die Begründung mit „denn" – der Name selbst *ist* das Programm, nicht bloß ein Etikett.

Leicht zu überlesen: „du sollst ihm den Namen geben" – nicht „sie wird ihm den Namen geben". Im jüdischen Recht war es die Aufgabe des Vaters, dem Kind seinen Namen zu geben und es damit als sein eigenes zu adoptieren [Jamieson-Fausset-Brown](cite://s?id=jamieson-fausset-brown). Josef ist nicht der leibliche Vater, aber Gott gibt ihm genau diese Rolle: Er soll dieses Kind rechtlich in die Linie Davids einschreiben, indem er ihm den Namen gibt. Das ist der eigentliche Grund, warum die ganze Genealogie in Matthäus 1,1-17 vorher steht – damit dieses Kind, obwohl übernatürlich gezeugt, wirklich „Sohn Davids" heißen darf [Matthew Henry Bible Commentary](cite://s?id=matthew-henry).

Und dann die zweite Sache, die man leicht überliest: „sein Volk" – nicht „ein Volk", sondern „sein". Wessen Volk? Wenn Jesus wirklich der im Alten Testament versprochene Retter ist, dann gehört ihm dieses Volk schon, bevor er geboren wird. Die alte Streitfrage, ob „sein Volk" nur Israel meint oder auch alle, die später durch den Glauben dazukommen, lässt der Vers offen – Matthäus selbst beantwortet sie erst am Ende seines Evangeliums, wenn Jesus die Jünger zu allen Völkern sendet (Matthäus 28,19) [Tyndale Open Study Notes](cite://s?id=tyndale).

## Historischer Hintergrund

Matthäus schreibt sein Evangelium wahrscheinlich zwischen 60 und 85 n. Chr., vermutlich für eine Gemeinde aus Judenchristen, also Juden, die Jesus als den Messias erkannt hatten, aber immer noch mitten unter Juden lebten, die das nicht taten. Das erklärt, warum Matthäus so besessen davon ist, jeden Schritt in Jesu Leben mit dem Alten Testament zu verknüpfen – er will zeigen: Das hier ist kein Bruch mit der jüdischen Geschichte, sondern deren Erfüllung.

Der Name „Jesus" war zur Zeit Josefs und Marias, also um 6-4 v. Chr., ein ganz gewöhnlicher jüdischer Junge-Name – die griechische Form des hebräischen Namens Jeschua, den auch Josua trug, der Mann, der Israel ins verheißene Land führte. Man kann sich vorstellen, wie viele „Jesus"-Kinder es in Nazareth und Umgebung gab. Das Besondere ist also nicht der Name selbst, sondern was der Engel darüber sagt: dieses ganz normale Kind wird das tun, was der Name eigentlich bedeutet – „der Herr rettet".

Zur Zeit dieser Geburt stand Israel unter römischer Besatzung, König Herodes der Große saß auf einem Thron, den er nur durch römische Gunst und blutige Machtspiele hielt. Die meisten Juden erwarteten einen Messias, der sie politisch von Rom befreien würde – einen zweiten David mit Schwert. Der Engel sagt Josef stattdessen: Dieses Kind wird sein Volk „von ihren Sünden" retten – nicht in erster Linie von Rom. Das ist eine stille, aber radikale Umlenkung der Erwartung, mitten in eine Welt hinein, die politische Rettung erhoffte.

## Ursprache

Der Name selbst trägt die ganze Last des Verses: **Ἰησοῦς** (*Iēsoûs*, G2424) ist die griechische Form des hebräischen Jeschua, das wörtlich heißt „Der HERR ist Rettung" oder „Der HERR rettet" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Das ist kein Zufall und keine bloße Übersetzung – das Verb, das direkt danach steht, **σώζω** (*sṓzō*, G4982), „retten, erretten, bewahren", ist praktisch im Namen selbst schon eingebaut [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Wenn der Engel sagt „nenne ihn Jesus, denn er wird retten", wiederholt er im Grunde dasselbe Wort zweimal – einmal als Name, einmal als Tat.

Beachte das kleine **γάρ** (*gár*, G1063) – „denn", das eine Begründung einleitet [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Der Name ist keine bloße Bezeichnung, sondern eine Ankündigung, die sofort erklärt wird. Und dann **ἀπό** (*apó*, G575), „weg von, fort von" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs) – er rettet sein Volk *weg von* ihren **ἁμαρτία** (*hamartía*, G266), ihren „Sünden" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Das Wort hamartia stammt ursprünglich vom Bild des Zielverfehlens beim Bogenschießen – ein Pfeil, der nicht trifft, wohin er sollte. Nicht „Rettung vor den Römern", nicht „Rettung vor Unglück" – Rettung *von der Sünde selbst*, weg davon, heraus daraus.

Schließlich **λαός** (*laós*, G2992), „Volk" – ein Wort, das im Griechischen oft speziell für Gottes eigenes, auserwähltes Volk verwendet wird, nicht für irgendeine beliebige Menschenmenge [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). „Sein Volk" – hier steckt schon die Vorstellung von Zugehörigkeit, von Besitz, drin.

## Wie es auf Christus hinweist

Dieser Vers ist selbst schon die Christus-Verbindung – er ist kein Vers, der auf Christus *hindeutet*, er ist der Moment, in dem Christus einen Namen bekommt. Aber schau, wie weit die Fäden zurückreichen: Der Name Jeschua/Josua trug schon der Mann, der Israel über den Jordan ins verheißene Land führte. Matthäus lässt seine Leser diese Anspielung nicht verpassen – hier kommt ein neuer Josua, der sein Volk nicht über einen Fluss, sondern aus der Sklaverei der Sünde herausführt.

Und schau auf Sacharja 9,9, wo der kommende König als „Retter" beschrieben wird, der demütig auf einem Esel reitet – nicht als Eroberer, sondern als jemand, der auf eine andere, unerwartete Weise rettet. Genau diese Spannung liegt in Matthäus 1,21: ein König, der nicht politisch befreit, sondern von Sünde.

Johannes der Täufer wird später auf Jesus zeigen und sagen: „Siehe, das Lamm Gottes, welches die Sünde der Welt hinwegnimmt!" (Johannes 1,29) – dieselbe Rettung, jetzt mit dem Bild des Opferlamms unterlegt. Und der erste Johannesbrief bestätigt: „Er ist erschienen, um die Sünden wegzunehmen" (1. Johannes 3,5). Das Kreuz ist der Ort, wo dieser Name eingelöst wird – wo „Jesus rettet" nicht mehr nur Verheißung, sondern vollbrachte Tat ist.

Petrus predigt später in der Apostelgeschichte: „Es ist in keinem andern das Heil" (Apostelgeschichte 4,12) – der Name aus Matthäus 1,21 wird zum einzigen Namen, unter dem Rettung überhaupt zu finden ist. Was der Engel Josef flüstert, wird zur öffentlichen Verkündigung der ganzen Kirche.

## Für dein Leben

Hier ist die unbequeme Wahrheit, die dieser Vers dir zumutet: Bevor er dich von irgendetwas anderem rettet – von Einsamkeit, von Angst, von einem kaputten Leben – rettet er dich von deiner Sünde. Nicht von den Folgen deiner Sünde. Von der Sünde selbst. Das ist unbequem, weil es bedeutet, dass das eigentliche Problem nie „da draußen" war – nicht die Römer, nicht dein Chef, nicht deine Umstände. Das Problem sitzt in dir.

Und genau deshalb ist der Name so ein Geschenk. Du musst nicht erst besser werden, bevor du zu ihm kommst. Der Name heißt nicht „Jesus, der dir hilft, wenn du dich selbst gerettet hast" – er heißt „der HERR rettet". Punkt. Bevor du auch nur einen Finger krumm machst.

Aber die Kosten sind real: Wenn du diesen Namen wirklich annimmst, musst du aufhören, deine Sünde kleinzureden. Du kannst nicht gleichzeitig sagen „ich brauche Rettung von meinen Sünden" und „naja, so schlimm ist das eigentlich nicht". Der Name Jesus ist ein Spiegel, der dir zeigt, wie tief das Problem sitzt – und gleichzeitig die einzige Hand, die dich da rausholt.

Frag dich heute ehrlich: Von welcher konkreten Sünde – nicht abstrakt, sondern die eine, die du genau kennst – brauchst du gerade jetzt gerettet zu werden? Nicht Erleichterung von den Konsequenzen. Rettung *davon weg*. Trau dich, das beim Namen zu nennen, so wie der Engel Josef gebeten hat, dem Kind einen Namen zu geben.

## Gebetsanliegen

- Herr Jesus, dein Name selbst ist ein Versprechen – hilf mir, dir wirklich zu vertrauen, dass du mich retten *willst* und nicht nur retten *kannst*.
- Ich bekenne dir konkret die Sünde, von der ich weiß, dass sie mich immer wieder gefangen hält – rette mich davon weg, nicht nur von ihren Folgen.
- Danke, dass du zu deinem Volk gekommen bist, nicht zu Fremden – hilf mir zu glauben, dass ich wirklich dazugehöre.
- Gib mir den Mut, meine Sünde nicht kleinzureden, sondern sie so ernst zu nehmen, wie dein Kommen sie nimmt.
- Wecke in mir echte Freude über deinen Namen, nicht nur ein theologisches Wissen darüber.

## Zum Nachdenken

- Wenn Rettung „von Sünden" heißt und nicht „von Umständen" – wovon lebst du gerade so, als wäre dein größtes Problem draußen und nicht in dir?
- Josef bekommt die Aufgabe, dem Kind einen Namen zu geben, obwohl er nicht der leibliche Vater ist. Wo verweigerst du Gott eine Rolle in deinem Leben, weil du meinst, du hättest kein „Recht" dazu?
- Gibt es eine Sünde, die du seit Jahren kennst, aber nie beim Namen genannt hast – vor Gott, vor dir selbst?
- Der Name Jesus war zu seiner Zeit ganz gewöhnlich. Erwartest du von Gott spektakuläre Zeichen, statt ihm in den gewöhnlichen, alltäglichen Dingen deines Lebens zu begegnen?
- Wie würde sich dein Gebet heute verändern, wenn du wirklich glaubtest, dass „sein Volk" dich meint?

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https://dewfall.app/de/read/gersch:40:1:21

Schlachter Bibel 1951, Genfer Bibelgesellschaft (CC BY 4.0)
