# 2. Mose 29:40 (Schlachter 1951)

> und zum ersten Lamm einen Zehntel Semmelmehl, gemengt mit einem Viertel Hin gestoßenen Öls und einem Viertel Hin Wein zum Trankopfer.

## Was es bedeutet

Lies den Vers nicht isoliert – er ist die Fußnote zu einer viel größeren Anweisung. Ab Vers 38 befiehlt Gott: Jeden Morgen und jeden Abend soll ein Lamm auf dem Altar verbrannt werden – für immer, ohne Unterbrechung. Das nennt man das „tägliche Opfer". Und jetzt, in Vers 40, kommt die Beilage zu diesem ersten Lamm: kein bloßes Fleischstück auf dem Feuer, sondern ein ganzes Menü. Ein Zehntel Efa feinstes Weizenmehl (kein grobes Mehl vom Rand des Sacks, sondern das Beste), verrührt mit einem Viertel Hin gestoßenem Olivenöl – also Öl aus besonders sorgfältig zerstoßenen, nicht gepressten Oliven, dem reinsten, was man bekommen konnte [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs) – und dazu noch ein Viertel Hin Wein, der einfach über den Altar ausgegossen wird, ohne verbrannt zu werden.

Leicht zu übersehen: Diese Zutaten sind exakt bemessen. Kein „ungefähr", kein „nach Gefühl". Gott gibt hier Präzisionsanweisungen für etwas, das zweimal täglich, jeden Tag, Jahr für Jahr wiederholt werden soll [Adam Clarke Bible Commentary](cite://s?id=adam-clarke). Das ist kein einmaliges Fest, sondern der Herzschlag des ganzen Gottesdienstes.

Im größeren Zusammenhang des Buches steht dieser Vers direkt nach der Einsetzung der Priester und der Weihe des Altars (2. Mose 29,1-37) – jetzt, wo Priesterschaft und Altar bereit sind, beginnt der eigentliche Betrieb: das tägliche, nie endende Opfer [Matthew Henry Bible Commentary](cite://s?id=matthew-henry).

Wo sich Ausleger unterscheiden: Manche lesen Brot, Öl und Wein hier schon als Vorschatten auf Christi Leib, Geist und Blut [John Gill Bible Commentary](cite://s?id=john-gill) – andere (etwa Keil-Delitzsch) mahnen zur Zurückhaltung und wollen den Text zuerst nüchtern im Zusammenhang der übrigen Opfergesetze in 3. Mose lesen, bevor man ihn symbolisch auflädt [Keil-Delitzsch Old Testament Commentary](cite://s?id=keil-delitzsch).

## Historischer Hintergrund

Diese Anweisung stammt aus der Zeit, in der Israel am Fuß des Berges Sinai lagerte – nach jüdischer und christlicher Überlieferung Mose zugeschrieben, grob im 15. bis 13. Jahrhundert vor Christus, je nachdem, welche Datierung des Auszugs man für wahrscheinlicher hält. Das Volk war gerade erst aus der Sklaverei in Ägypten befreit worden. Es gab noch kein festes Land, keinen Tempel, keine Stadt – nur ein Zeltlager in der Wüste und ein neu gebautes, tragbares Heiligtum, das Stiftszelt.

Stell dir die Szene vor: Aaron und seine Söhne werden gerade zum ersten Mal als Priester eingesetzt, mit Blut und Öl gesalbt, der Altar geweiht. Und dann kommt die Anweisung: Ab jetzt läuft der Betrieb nicht mehr nach Sonderveranstaltung, sondern nach festem Rhythmus – jeden Morgen, jeden Abend, ein Lamm, Mehl, Öl, Wein. Dieses „tägliche Opfer" (später „Tamid" genannt) wurde tatsächlich über Jahrhunderte hinweg praktiziert, bis der zweite Tempel im Jahr 70 nach Christus von den Römern zerstört wurde. Generationen von Israeliten sind mit diesem Duft von Rauch und Wein am Morgen und am Abend aufgewachsen – es war so regelmäßig wie Sonnenauf- und -untergang.

Wichtig für den Hintergrund: Trankopfer – Wein, der ausgegossen wird – waren im Alten Orient nichts Ungewöhnliches. Auch die Nachbarvölker gossen Wein für ihre Götter aus, oft auf Hügeln unter Bäumen als Fruchtbarkeitsritus. Genau davor warnt später der Prophet Jesaja, wenn er Israel vorwirft, solche Trankopfer den falschen Göttern dargebracht zu haben (Jesaja 57,6), und Hesekiel beschreibt dasselbe Vergehen noch schärfer (Hesekiel 20,28). Das tägliche Opfer am Stiftszelt war also bewusst eine Gegenerzählung: nicht Wein für einen erfundenen Fruchtbarkeitsgott auf einem Hügel, sondern Wein für den lebendigen Gott, der sein Volk aus der Sklaverei geholt hatte – zu festen Zeiten, an einem festen Ort, nach seinen eigenen Regeln.

## Ursprache

Das Lamm heißt hier כֶּבֶשׂ (kebes, H3532) – wörtlich ein Widderlamm, „alt genug, um zu stoßen", also kein neugeborenes Tier, sondern eines mit einem gewissen Wert und Gewicht [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs).

Das Mehl ist סֹלֶת (çôleth, H5560) – „feines Mehl, das Beste vom Weizen", von einer Wurzel, die „abschälen" bedeutet: also der reinste, innerste Teil des Korns, nicht die Kleie [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Es wird בָּלַל (bâlal, H1101) „gemengt" mit dem Öl – dasselbe Wort kann auch „überfluten" bedeuten, was ein Bild dafür gibt, wie großzügig das Öl eingearbeitet wurde.

Das Öl heißt כָּתִית (kâthîyth, H3795), „gestoßen" oder „rein" – Öl, das nicht durch Pressen, sondern durch Zerstoßen der Oliven gewonnen wurde, die reinste, mühsamste Herstellungsart [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Und der Wein: יַיִן (yayin, H3196), einfach vergorener Wein.

Am interessantesten ist vielleicht das Wort für „Trankopfer": נֶסֶךְ (neçek, H5262) – „Ausgießung". Dieselbe Wurzel kann aber auch „gegossenes Götzenbild" bedeuten [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Das ist kein Zufall: dasselbe hebräische Bild – etwas Ausgegossenes – kann entweder Anbetung des wahren Gottes oder Anbetung eines Götzen sein. Es kommt ganz darauf an, wem es gilt. Die Zahlen selbst – עִשָּׂרוֹן (ʻissârôwn, H6241), „ein Zehntel", und רֶבַע/רְבִיעִי (rebaʻ/rᵉbîyʻîy, H7253/H7243), „ein Viertel" – zeigen: Gott will keine ungefähren Gaben, sondern genau bemessene [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs).

## Wie es auf Christus hinweist

Du musst hier nicht viel hineinlesen, um etwas zu erkennen – das Muster ist zu auffällig, um es zu übersehen: ein Lamm, Brot, Öl, Wein, ausgegossen, jeden Tag, für die Sünden des Volkes. Jahrhunderte später sitzt ein Mann mit seinen Jüngern in einem Obergemach, bricht Brot und gießt Wein aus und sagt: „Das ist mein Leib... das ist mein Blut" (siehe Matthäus 26,26-28). Er ist das Lamm, das nicht zweimal täglich, sondern ein einziges Mal endgültig geopfert wird – und danach braucht es kein tägliches Opfer mehr (Hebräer 10,10-14 zeigt das ausdrücklich, auch wenn der Vers hier nicht in deinen Querverweisen steht).

Manche Ausleger gehen noch einen Schritt weiter und sehen im „gestoßenen Öl" ein Bild für den Geist, der durch Christi Leiden hindurch wirkt [John Gill Bible Commentary](cite://s?id=john-gill) – das ist eine ehrliche, aber vorsichtige Verbindung, kein direkter Beweis, eher ein leises Echo, kein gerader Pfeil.

Fester steht die Linie zu Philipper 2,17: Paulus nimmt genau dieses Bild vom Trankopfer – neçek, das Ausgegossene – und wendet es auf sein eigenes Leben an: „Sollte ich aber auch wie ein Trankopfer ausgegossen werden über dem Opfer und dem Gottesdienst eures Glaubens..." Er sieht sein eigenes verausgabtes, vielleicht sogar hingerichtetes Leben als eine Art Wein, der über dem größeren Opfer – dem Glauben der Gemeinde, letztlich Christi eigenem Opfer – ausgegossen wird. Das tägliche Opfer im Zeltlager war also nicht nur ein Schatten auf Christus hin, sondern wurde auch zum Sprachbild dafür, wie ein Christenleben aussieht, das ihm nachfolgt: ausgegossen, nicht zurückgehalten.

## Für dein Leben

Was dich an diesem Vers packen sollte, ist nicht das Rezept, sondern der Rhythmus dahinter. Zweimal täglich. Nicht nur an Feiertagen, nicht nur wenn man Lust hat oder eine besondere Krise durchlebt. Morgens und abends, jeden Tag, wurde ein Stück vom Besten – feinstes Mehl, reinstes Öl, echter Wein – verbrannt oder ausgegossen und war weg. Kein Zurückholen, kein „das heben wir für später auf".

Frag dich ehrlich: Wo in deinem Leben ist Gott ein Sonntagsereignis und wo ist er der tägliche Rhythmus? Die Israeliten hatten keine Wahl, ob sie „heute Lust auf Gottesdienst" hatten – es war eingerichtet, verordnet, unumgänglich. Und genau darin liegt eine unbequeme Wahrheit für dich: Nähe zu Gott entsteht selten durch spontane, gelegentliche Höhenflüge. Sie entsteht durch das Zehntel Efa, das du jeden Tag hinlegst, auch wenn es sich gewöhnlich anfühlt, auch wenn niemand applaudiert.

Und dann ist da noch das Wort neçek – dasselbe Bild für „Ausgießung", das entweder wahre Anbetung oder Götzendienst sein kann. Das ist die Frage, die dieser Vers dir heute stellt: Was gießt du täglich aus – deine Zeit, deine Energie, deine Aufmerksamkeit – und wem gilt es eigentlich? Es ist möglich, jeden Tag etwas „auszugießen", ohne dass es je bei Gott ankommt.

Die Kosten sind real: Ein Viertel Hin Wein, ein Zehntel Efa Mehl – das war nicht nichts für eine Wüstenfamilie. Gott bittet nicht um Reste. Er bittet um das Beste, regelmäßig, kostspielig. Was wäre dein „bestes Mehl", das du heute ausgießen müsstest, um ehrlich vor ihm zu stehen?

## Gebetsanliegen

- Herr, vergib mir, dass ich dich oft nur an besonderen Tagen suche und nicht als tägliche Gewohnheit.
- Zeige mir, was in meinem Leben das

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https://dewfall.app/de/read/gersch:2:29:40

Schlachter Bibel 1951, Genfer Bibelgesellschaft (CC BY 4.0)
