# Jeremia 10:14 (Schlachter 1951)

> Alle Menschen stehen da als Toren, trotz ihrem Wissen, und alle Gießer werden an ihren Bildern zuschanden; denn was sie gießen ist Betrug, und kein Geist ist darin.

## Was es bedeutet

Lies den Satz zweimal, denn er hat einen Stachel: "Alle Menschen stehen da als Toren, trotz ihrem Wissen." Nicht die Ungebildeten werden hier bloßgestellt, sondern gerade die Klugen, die Kenner, die Handwerker mit dem geschulten Auge. Das hebräische *daʻath* (H1847) meint genau dieses fachliche Wissen [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Und die Pointe ist bitter: Ihr Wissen macht sie nicht klug, es macht sie brutisch (das Verb *bâʻar*, H1197, trägt beide Bedeutungen – "dumm werden" und "verbrennen, verzehrt werden") [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Manche Ausleger lesen den Satz sogar so: Gerade *weil* sie so viel handwerkliches Können haben, wird ihre Torheit erst richtig sichtbar – ihr Können entlarvt sie, statt sie zu retten [Jamieson-Fausset-Brown](cite://s?id=jamieson-fausset-brown). Andere lesen es umgekehrt: Sie stehen ohne Wissen da, nämlich ohne Erkenntnis Gottes [John Gill Bible Commentary](cite://s?id=john-gill). Beide Lesarten treffen sich in derselben Wahrheit – wer Gott nicht kennt, dessen ganzes Können läuft am Ende ins Leere.

Dann der zweite Halbsatz: "alle Gießer werden an ihren Bildern zuschanden." Das Wort für "Gießer" kommt von *tsaraph* (H6884), dem sorgfältigen Schmelzen und Läutern von Metall [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs) – das ist Präzisionsarbeit, kein Pfusch. Und trotzdem: Schande. Warum? Weil das Endprodukt – das Gussbild, *neçek* (H5262) – *sheqer* ist, "Betrug", "Lüge" (H8267) [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Es sieht aus wie etwas, ist aber nichts.

Der letzte Satz ist der Todesstoß: "kein Geist ist darin." *Rûach* (H7307) heißt Atem, Wind, Leben, Geist [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs) – genau das, was zwei Verse vorher (10:12–13) den lebendigen Gott beschreibt, der den Wind aus seinen Vorratskammern hervorbringt. Der Kontrast ist der ganze Punkt dieses Kapitels: ein Gott, der atmet, gegen Götzen, die nicht einmal das können. Streit unter Christen gibt es hier kaum inhaltlich – nur über die Übersetzungsnuance von "trotz ihrem Wissen".

## Historischer Hintergrund

Jeremia wirkte als Prophet in Jerusalem etwa von 627 bis 580 v. Chr. – über vier Jahrzehnte, in denen sein Volk von einer relativ selbstständigen Nation zu einer babylonischen Provinz zerfiel. Kapitel 10 gehört in die Zeit, als die babylonische Bedrohung nicht mehr abstrakt war: König Nebukadnezar hatte 597 v. Chr. bereits eine erste Gruppe von Judäern – darunter König Jojachin, den Adel und viele Handwerker – nach Babylon deportiert [Matthew Henry Bible Commentary](cite://s?id=matthew-henry). Ein Teil von Jeremias Zuhörern lebte also schon in Babylon, ein anderer Teil wartete in Jerusalem auf dasselbe Schicksal.

Und Babylon war ein Schauhaus der Religion. Die Babylonier waren berühmt für ihre Sternenbeobachtung (Astrologie) und für aufwendige Götzenumzüge: Beim jährlichen Neujahrsfest wurden die Statuen der Götter, allen voran Marduk, mit Gold und Silber überzogen, in prächtige Gewänder gehüllt und feierlich durch die Straßen getragen. Für einen verängstigten, entwurzelten Judäer musste das beeindruckend wirken – so viel Pracht, so viel Können, so viel Geld. Jeremia will genau diese Faszination durchschneiden. Er beschreibt in den Versen davor (10,3–5), wie diese Götter tatsächlich entstehen: ein Baum wird gefällt, mit Beil bearbeitet, mit Silber und Gold beschlagen, mit Nägeln und Hämmern befestigt, damit die Figur nicht umkippt – und am Ende muss man sie tragen, weil sie selbst nicht gehen kann. Das ist keine ferne akademische Kritik, sondern ein Prophet, der seinem Volk mitten in der Angst vor dem Exil zuruft: Lasst euch von der Kulisse nicht täuschen. Glanz ist nicht dasselbe wie Leben.

## Ursprache

**דַּעַת (daʻath, H1847)** – "Wissen, Erkenntnis" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Das ist kein Allgemeinwissen, sondern gezieltes Fachwissen – genau das, was ein Metallhandwerker braucht. Die Ironie: Dieses Wissen rettet nicht.

**בָּעַר (bâʻar, H1197)** – kann "dumm/brutisch werden" heißen, aber ursprünglich auch "verbrennen, verzehrt werden" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Da schwingt ein Bild mit: Wer sich an tote Dinge hängt, wird selbst innerlich leer, verbrannt, ausgehöhlt.

**צָרַף (tsâraph, H6884)** – "schmelzen, läutern (Metall)" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Das Wort beschreibt eine hochkonzentrierte, geduldige Arbeit – kein Zufallsprodukt. Genau dieser Sorgfalt wird hier die Schande gegenübergestellt.

**נֶסֶךְ (neçek, H5262)** – "Gussbild, gegossenes Bild" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs) – wörtlich verwandt mit "Trankopfer". Ein aus flüssigem Metall gegossener Gott.

**שֶׁקֶר (sheqer, H8267)** – "Lüge, Betrug, Täuschung" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Der Götze ist nicht einfach nutzlos, er ist aktiv irreführend – er verspricht, was er nicht halten kann.

**רוּחַ (rûwach, H7307)** – das Schwergewicht des ganzen Verses: "Wind, Atem, Leben, Geist" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Dasselbe Wort beschreibt in 1. Mose 1,2 den Geist Gottes über den Wassern und in Jeremia 10,13 den Wind, den der lebendige Gott aus seinen Kammern holt. Ein Götze hat davon: nichts. Kein Atem, kein Leben, kein Geist – buchstäblich totes Material, das nur so aussieht, als würde es leben.

## Wie es auf Christus hinweist

Der ganze Vers lebt von einem Kontrast: tote Bilder ohne *rûach* gegen den lebendigen Gott, der Atem und Geist *hat* und *gibt*. Und genau dieser Kontrast läuft direkt auf Jesus zu. Paulus greift in Athen (Apostelgeschichte 17,29) fast wörtlich dasselbe Argument auf: Wir sollten nicht meinen, die Gottheit sei "Gold, Silber oder Stein, durch menschliche Kunst und Erfindung gebildet." Und dann stellt er den auferstandenen Christus daneben – den einen, den Gott aus den Toten auferweckt hat und der eben *nicht* leblos ist.

Kolosser 1,15 nennt Jesus "das Ebenbild des unsichtbaren Gottes" – aber im genauen Gegensatz zu einem Götzenbild ist er kein von Menschenhand gemachtes Abbild, sondern die lebendige, wesenhafte Gegenwart Gottes selbst. Hebräer 1,3 sagt, er sei "der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens" – kein gegossenes Metall, sondern "der ihn trägt durch das Wort seiner Kraft." Wo der Götze in Jeremia 10,14 kein Leben in sich hat, hat Jesus nach Johannes 5,26 "Leben in sich selbst."

Und der Geist, der den Götzen fehlt (*rûach*), wird in Johannes 3,34 von Jesus gesagt, dass er ihn "ohne Maß" hat. Bei Jesu Taufe kommt der Geist sichtbar auf ihn herab (Markus 1,10) – das genaue Gegenbild zum stummen, atemlosen Klotz, den ein Schmied gegossen hat.

Wenn du also diesen Vers liest, siehst du nicht nur eine alte Polemik gegen babylonische Statuen. Du siehst die Grundfrage, die sich durch die ganze Bibel zieht und in Jesus beantwortet wird: Lebt dein Gott, oder musst du ihn tragen?

## Für dein Leben

Du hast wahrscheinlich keinen Goldschmied, der dir Statuen gießt. Aber frag dich ehrlich: Woran hast du dein Wissen, deine Fähigkeiten, dein ganzes Können investiert – in der Hoffnung, es würde dich tragen, wenn alles andere wegfällt? Karriere, Ansehen, die perfekt kuratierte Version deines Lebens, die Sicherheit, die du dir mit klugen Entscheidungen aufgebaut hast? Genau das ist das moderne Äquivalent des Gießens: sorgfältig gebaut, glänzend poliert, beeindruckend anzusehen – und ohne Atem darin.

Jeremia stellt hier keine akademische Frage, sondern eine, die wehtut: Was du mit deinen Händen und deinem Verstand baust, kann so schön sein wie du willst – wenn kein Geist darin ist, ist es am Ende nur Betrug, auch wenn es dich selbst betrügt. Die Kosten, die dieser Vers von dir verlangt, sind konkret: Du musst zugeben, dass etwas, in das du viel investiert hast, tot ist. Das tut weh, weil es Zeit gekostet hat, Geld, Herzblut. Aber die Alternative – weiter vor etwas niederzuknien, das nicht atmet – ist schlimmer.

Die gute Nachricht steht direkt daneben in diesem Kapitel (Vers 10-13): Es gibt einen Gott, der wirklich lebt, der wirklich Atem hat und gibt. Du musst nicht länger de

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Schlachter Bibel 1951, Genfer Bibelgesellschaft (CC BY 4.0)
