# Psalmen 97:10 (Schlachter 1951)

> Die ihr den HERRN liebt, hasset das Arge! Er bewahrt die Seelen seiner Frommen und errettet sie von der Hand der Gottlosen.

## Was es bedeutet

Schau dir zuerst den Satzbau an: Da steht nicht "Wer den HERRN liebt, der wird auch das Böse hassen" – als wäre das eine automatische Nebenwirkung. Da steht ein Imperativ: "Hasset das Arge!" Es ist ein Befehl, an alle gerichtet, die sich "Liebende des HERRN" nennen. Liebe zu Gott und Hass gegen das Böse gehören für den Psalmisten so eng zusammen, dass man das eine nicht ohne das andere haben kann [John Gill Bible Commentary](cite://s?id=john-gill). Das ist unbequem, weil wir "hassen" gern für ein hässliches Wort halten, das Christen vermeiden sollten. Aber hier ist Hass kein Gefühlsausbruch gegen Menschen, sondern eine klare, feste Ablehnung dessen, was Gott zuwider ist.

Der zweite Satzteil kippt vom Befehl zur Zusage: Gott selbst "bewahrt die Seelen seiner Frommen" und "errettet sie von der Hand der Gottlosen." Das hebräische Wort für "Fromme" hier (חָסִיד, dazu gleich mehr) meint nicht moralische Überflieger, sondern Menschen, die in Gottes Treue-Bund mit ihm leben. Die Reihenfolge ist wichtig: erst der Aufruf zur Treue, dann die Zusage des Schutzes – nicht umgekehrt, als müsste man sich den Schutz erst verdienen, sondern als Beschreibung dessen, wie ein Leben aussieht, das wirklich in dieser Liebesbeziehung steht.

Psalm 97 gehört zu einer Gruppe von Psalmen (93–99), die alle jubeln: "Der HERR ist König!" Das ganze Lied malt Gott als kosmischen Richter, vor dem Berge schmelzen wie Wachs (Vers 5) und dessen Herrschaft Freude für die Gerechten bedeutet, aber Beschämung für alle, die Götzen dienen (Vers 7). Vers 10 ist der Punkt, wo diese große kosmische Vision ganz persönlich wird: Was heißt das für dich, heute, in deinem Alltag? [Matthew Henry Bible Commentary](cite://s?id=matthew-henry)

Wo Christen unterschiedlich lesen: Manche betonen stärker die Verheißung ("Gott bewahrt"), andere den Auftrag ("hasset das Arge"). Beides steht da – die Frage ist nur, welche Betonung man als Ausgangspunkt nimmt, um den Vers zu leben.

## Historischer Hintergrund

Psalm 97 ist einer der sogenannten "JHWH-ist-König"-Psalmen, wahrscheinlich für den Gottesdienst in Jerusalem gedichtet, vermutlich in der Zeit des zweiten Tempels, also nach der babylonischen Gefangenschaft (nach 538 v. Chr.), als das jüdische Volk aus dem Exil zurückgekehrt war und wieder um seine Identität als Volk Gottes rang, umgeben von fremden Kulturen und ihren Göttern.

Man muss sich vorstellen: Israel war ein winziges Volk, eingeklemmt zwischen großen Reichen, ständig unter Druck, sich den Göttern und Bräuchen der Nachbarn anzupassen – sei es aus politischer Klugheit oder schlichter sozialer Anpassung. Keil und Delitzsch weisen darauf hin, dass genau dieser Vers in einer Zeit passt, in der ein "liebäugelndes" Schielen nach heidnischen Kulten verbreitet war und treue Anhänglichkeit an den HERRN sogar das Leben kosten konnte – sie denken dabei an die Zeit der Makkabäer, also die Verfolgung unter dem griechischen Herrscher Antiochus IV. Epiphanes im 2. Jahrhundert v. Chr., als Juden gezwungen wurden, Schweinefleisch zu essen oder Zeus zu opfern, und viele lieber starben, als untreu zu werden [Keil-Delitzsch Old Testament Commentary](cite://s?id=keil-delitzsch).

In diesem Klima ist Psalm 97 kein abstraktes Lob eines fernen Herrschers, sondern eine Kampfansage: Der HERR – nicht Baal, nicht die Götter Babylons, nicht der Kaiser – sitzt auf dem Thron über der ganzen Erde. Wer öffentlich zu ihm steht, riskiert etwas. Und genau diesen Menschen sagt der Psalm zu: Gott sieht dich, und er bewahrt dich. Das ist keine bequeme Zusage für ein ruhiges Leben, sondern ein Trost für Leute, die gerade wegen ihrer Treue in Gefahr sind.

## Ursprache

Das Verb für "liebt" ist אָהַב (*'ahab*, H157) – ein starkes, warmes Wort für Zuneigung, dasselbe Wort, das für die Liebe zwischen Ehepartnern benutzt wird [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Dagegen steht שָׂנֵא (*sane'*, H8130), "hassen" – ein ebenso persönliches, kräftiges Wort, keine bloße Abneigung, sondern eine entschiedene, aktive Ablehnung [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Das Objekt dieses Hasses ist רַע (*ra'*, H7451), "böse, schädlich, schlecht" – ein Wort, das sowohl moralisches Böses als auch das Unheil bezeichnet, das daraus folgt.

Zwei Wörter tragen die Verheißung: שָׁמַר (*shamar*, H8104) heißt eigentlich "mit einer Dornenhecke umzäunen" – daher "bewahren, behüten, aufpassen wie ein Wächter" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Das ist ein sehr konkretes Bild: Gott zieht einen Schutzzaun um dich. Bewahrt wird deine נֶפֶשׁ (*nephesh*, H5315) – dein ganzes lebendiges Ich, nicht nur eine unsichtbare "Seele" im griechischen Sinn, sondern dein Atem, dein Leben, dein ganzes Sein [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs).

Und wer wird bewahrt? חָסִיד (*chasid*, H2623) – von derselben Wurzel wie חֶסֶד (*chesed*), das große Bundeswort für Gottes treue, verlässliche Liebe. Ein *chasid* ist also jemand, der in dieser Treue-Beziehung mit Gott lebt und diese Treue erwidert – daher oft mit "die Frommen" oder "die Treuen" übersetzt [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Schließlich נָצַל (*natsal*, H5337), "erretten, entreißen" – das Bild eines schnellen Herausreißens aus einem Zugriff, hier aus der יָד (*yad*, H3027), der "Hand" – dem konkreten Machtbereich der רָשָׁע (*rasha'*, H7563), der aktiv bösen Menschen [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs).

## Wie es auf Christus hinweist

Matthew Henry lässt keinen Zweifel daran, wo dieser Psalm hinzeigt: Der König, der hier auf dem Thron sitzt und dessen Herrschaft "Terror für seine Feinde" und "Trost für seine Freunde" bedeutet, ist letztlich niemand anders als Christus selbst [Matthew Henry Bible Commentary](cite://s?id=matthew-henry). Wenn wir Psalm 97 heute lesen, singen wir nicht bloß über einen alttestamentlichen Königsgedanken – wir singen über den, der als Auferstandener bereits jetzt "zur Rechten Gottes" herrscht.

Aber die tiefste Verbindung liegt woanders: Jesus selbst hat das gelebt, wozu dieser Vers auffordert – vollkommene Liebe zum Vater und vollkommener Hass gegen das Böse, ohne den geringsten Kompromiss. Und er hat auch die andere Hälfte dieses Verses durchlitten und durchbrochen: Er wurde tatsächlich "in die Hand der Gottlosen" gegeben – ans Kreuz –, und Gott hat ihn nicht davor bewahrt zu sterben, sondern ihn aus dem Tod herausgerettet, ihn auferweckt. Das ist die Errettung hinter der Errettung: Nicht immer bewahrt Gott seine Treuen davor, in die Hand der Bösen zu fallen (denk an die Märtyrer, denk an Jesus selbst), aber er bewahrt sie letztlich vor der Vernichtung, so wie Paulus es in 2. Thessalonicher 3:2 erhofft und wie Sadrach, Mesach und Abed-Nego es im Feuerofen erlebten (Daniel 3:28) – und wie es am Ostermorgen endgültig sichtbar wurde.

Wenn Paulus in Römer 12:9 schreibt: "Hasset das Böse, hanget dem Guten an!", greift er diesen Vers fast wörtlich auf – aber jetzt im Licht dessen, dass wir in Christus neue Geschöpfe sind, denen der Heilige Geist genau diese Liebe und diesen Hass einpflanzt, die im Alten Testament als Befehl von außen kamen.

## Für dein Leben

Hier ist die unbequeme Frage, die dieser Vers dir stellt: Was hasst du wirklich? Nicht theoretisch, nicht "natürlich hasse ich Sünde" als fromme Floskel – sondern konkret. Gibt es eine bestimmte Sünde in deinem Leben, mit der du dich längst arrangiert hast, die du eher tolerierst als hasst? Ein Gewohnheitsärger, eine kleine Lüge, die du dir erlaubst, ein Blick, den du dir gönnst, eine Bitterkeit, die du pflegst wie einen alten Freund?

Der Psalm sagt: Wenn du Gott wirklich liebst, wird das nicht ohne Konsequenzen bleiben in dem, was du hasst. Liebe ohne Hass gegen das, was den Geliebten verletzt, ist keine echte Liebe – frag jeden, der schon mal jemanden geliebt hat, der von etwas Zerstörerischem bedroht wurde. Du würdest das Zerstörerische hassen, weil du den Menschen liebst.

Das kostet etwas. Es kostet, ehrlich mit dir selbst zu sein über das, was du eigentlich duldest statt hasst. Es kostet, Dinge aus deinem Leben zu räumen, die du bequem gefunden hast. Aber die andere Seite des Verses ist kein leeres Versprechen für Anstrengung: Gott verspricht nicht, dass du dafür belohnt wirst, sondern dass er selbst dich bewahrt – nicht weil du perfekt hasst und perfekt liebst, sondern weil du zu ihm gehörst. Die Zusage kommt nicht am Ende einer geleisteten Bedingung, sondern mitten in einer Beziehung, die er trägt.

Frag dich heute Abend ehrlich: Wo lebe ich mit dem Bösen auf Kompromiss-Basis, statt es zu hassen?

## Gebetsanliegen

- Herr, zeig mir das Böse in meinem Leben, das ich toleriere, statt es zu hassen.
- Gib mir eine echte, feurige Liebe zu dir, die nicht neutral bleibt gegenüber dem, was dir zuwider ist.
- Danke, dass du meine Seele bewahrst, auch wenn ich mich schwach und angreifbar fühle.
- Errette mich aus der Hand derer, die mir schaden wollen oder mich von dir wegziehen wollen.
- Hilf mir, wie Jesus zu lieben und zu hassen – ohne Kompromiss und ohne Bitterkeit gegen Menschen.

## Zum Nachdenken

- Welche konkrete Sünde toleriere ich gerade, statt sie zu hassen?
- Wo verwechsle ich "das Böse hassen" mit "Menschen verachten" – und wo muss ich das trennen?
- Habe ich schon mal echten Schutz Gottes erlebt in einer Situation, wo ich in Gefahr war, weil ich treu geblieben bin?
- Was würde es kosten, wenn ich diese Woche ernsthaft anfinge, etwas Bestimmtes aus meinem Leben zu räumen, weil Gott es hasst?
- Vertraue ich Gottes Bewahrung wirklich, auch wenn sie nicht so aussieht, wie ich sie mir wünsche?

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https://dewfall.app/de/read/gersch:19:97:10

Schlachter Bibel 1951, Genfer Bibelgesellschaft (CC BY 4.0)
