# Psalmen 92:10 (Schlachter 1951)

> Denn siehe, HERR, deine Feinde, ja, deine Feinde kommen um, alle Übeltäter werden zerstreut werden!

## Was es bedeutet

Schau dir zuerst das kleine Wort "siehe" an. Im Hebräischen steht da ein Ausrufewort – so als würde dir jemand die Schulter packen und sagen: "Guck genau hin!" Der Beter ruft Gott selbst als Zeugen an: HERR, sieh doch – deine Feinde. Und dann wiederholt er es noch einmal: "ja, deine Feinde". Das ist kein Stottern, das ist hebräische Betonungstechnik – wie wenn du im Deutschen sagst "die, die wirklich, wirklich deine Feinde sind". Diese Wiederholung unterstreicht: Es gibt keinen Zweifel, keine Verzögerung – ihr Ende ist sicher.

"Kommen um" heißt schlicht: sie gehen zugrunde, sie verschwinden. "Zerstreut werden" – das Bild dahinter ist eine Armee, die sich nicht mehr in Reih und Glied halten kann, oder Spreu, die der Wind auseinanderweht. Kein geordneter Rückzug, sondern Auflösung.

Diese Verse stehen mitten in einem größeren Gedankengang: Der Psalm beginnt mit Lob (Vers 2-4), staunt über Gottes unergründliche Werke (Vers 5-7), stellt dann die Vergänglichkeit der Gottlosen der Ewigkeit Gottes gegenüber (Vers 8-9) – und genau hier, in unserem Vers, kommt der Wendepunkt: Was mit den Feinden Gottes geschieht, steht im scharfen Kontrast zu dem, was gleich danach über den Beter selbst gesagt wird (sein "Horn" wird erhöht, er wird mit frischem Öl übergossen) [Matthew Henry Bible Commentary](cite://s?id=matthew-henry). Genau diese Gegenüberstellung ist der Motor des ganzen Psalms.

Wo Christen unterschiedlich lesen: Manche verstehen das "Umkommen der Feinde" rein geschichtlich – konkrete politische Bedrohungen Israels. Andere – besonders in der jüdischen Auslegungstradition, aber auch bei vielen christlichen Auslegern – lesen diesen Psalm messianisch, als Vorausblick auf die endgültige Abrechnung Gottes mit allem Bösen [Jamieson-Fausset-Brown](cite://s?id=jamieson-fausset-brown). Beides muss sich nicht ausschließen.

## Historischer Hintergrund

Die Überschrift dieses Psalms lautet: "Ein Psalm, ein Lied für den Sabbattag." Das ist einzigartig im ganzen Psalter – kein anderer Psalm trägt diese Widmung. Er wurde vermutlich schon in vorexilischer Zeit (also vor der babylonischen Zerstörung Jerusalems 586 v. Chr.) verfasst, traditionell David zugeschrieben, wenn auch der Text selbst keinen Autor nennt. Was wir sicher wissen: Dieser Psalm wurde jahrhundertelang – und wird bis heute im jüdischen Gottesdienst – jeden Sabbat gesungen. Stell dir vor: Menschen versammeln sich Woche für Woche im Tempel oder später in der Synagoge, und genau diese Worte über umkommende Feinde und aufblühende Gerechte gehören zum festen Ritual ihres Ruhetags.

In der Welt, in der dieser Psalm entstand, war die Vorstellung selbstverständlich, dass eine Nation nur dann sicher lebt, wenn ihr Gott sie gegen Feinde verteidigt. Fremde Völker – ob die assyrischen Heere, die später Israel bedrängten, oder frühere Gegner wie die Philister – waren eine ständige, reale Bedrohung, keine abstrakte Idee. Aber der Psalm meint wahrscheinlich mehr als nur äußere Feinde: "die Übeltäter" (Vers 8 und unser Vers 10) sind im ganzen Psalter oft auch Menschen innerhalb des eigenen Volkes, die den Bund mit Gott verachten, die spotten, dass Treue sich nicht lohnt. Das ist die bohrende Frage, die dieser Psalm beantwortet: Lohnt es sich, Gott treu zu bleiben, wenn die Gottlosen scheinbar ungestraft gedeihen? Der Sabbat – der Tag, an dem man aufhört zu arbeiten und Gott vertraut – ist der perfekte Rahmen für genau diese Frage.

## Ursprache

Direkt im Anschluss an unseren Vers – im nächsten Vers dieses Psalms – wechselt die Sprache dramatisch von Gericht zu Erhöhung, und genau

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https://dewfall.app/de/read/gersch:19:92:10

Schlachter Bibel 1951, Genfer Bibelgesellschaft (CC BY 4.0)
