# Psalmen 69:13 (Schlachter 1951)

> Die im Tor herumsitzen, schwatzen von mir, und die Zecher pfeifen mich aus.

## Was es bedeutet

Schau dir die zwei Gruppen an, die hier genannt werden: die im Tor sitzen und die Zecher. Das Tor der Stadt war in der alten Welt kein Nebeneingang – es war das Rathaus, das Gericht, der Marktplatz in einem. Dort trafen sich die Ältesten, die Respektablen, die Leute, die Entscheidungen fällten. Wenn "die im Tor herumsitzen" über dich schwatzen, heißt das: die anständige, einflussreiche Gesellschaft zieht öffentlich über dich her. Und dann die "Zecher" – die Betrunkenen in der Kneipe, die untersten der untersten, die aus purer Langeweile Spottlieder dichten und dich "auspfeifen", also lautstark verhöhnen wie ein Publikum, das einen schlechten Schauspieler von der Bühne buht. Der Psalmist ist also von oben bis unten durchgesiebt: die Respektablen reden schlecht über ihn, die Verachteten machen sich über ihn lustig. Niemand ist auf seiner Seite.

Leicht zu übersehen: Das ist keine private Kränkung, sondern ein totaler sozialer Ausschluss – Gericht und Gasse sind sich einig, dass er ein Gespött ist. Genau an diesem Tiefpunkt macht der Psalm eine Wende, die man in vielen deutschen Bibelausgaben schon im nächsten Vers findet: "Ich aber bete zu dir, HERR, zur Zeit des Wohlgefallens" [Matthew Henry Bible Commentary](cite://s?id=matthew-henry). Diese Verse gehören eng zusammen – die Schmähung von außen treibt ihn nicht zur Gegenschmähung, sondern zum Gebet.

Psalm 69 ist einer der am meisten im Neuen Testament zitierten Klagepsalmen. Christen sind sich einig, dass viele Zeilen davon typologisch auf Jesus vorausweisen – aber uneinig, wie direkt man das lesen darf, weil einige Verse (wie das Bekenntnis eigener Schuld weiter oben im Psalm) auf David selbst, nicht auf den sündlosen Christus passen [John Gill Bible Commentary](cite://s?id=john-gill).

## Historischer Hintergrund

Die Überschrift ordnet den Psalm David zu, traditionell also etwa 1000–950 v. Chr., auch wenn manche Ausleger eine spätere, vielleicht nachexilische Entstehung oder Überarbeitung annehmen. Das ändert nichts am konkreten Bild: In einer israelitischen Stadt jener Zeit war das Tor der Ort, wo Recht gesprochen und Politik gemacht wurde – vergleichbar mit einem Rathausplatz, an dem gleichzeitig Gericht gehalten wird. Wer dort "besprochen" wurde, wurde öffentlich verurteilt oder wenigstens öffentlich beschämt, ohne dass ein formelles Urteil nötig war. Gerüchte am Tor konnten einen Ruf ruinieren.

Die zweite Gruppe, die "Zecher", zeigt eine andere Ebene: Betrunkene, die in Kneipen oder bei Trinkgelagen spöttische Lieder über bekannte Personen dichteten – eine Art bösartiges Kabarett. Das war eine übliche Form der Demütigung im Alten Orient: Man wurde nicht nur beredet, man wurde zum Stoff für Spottgesang, den die Leute grölend weitersangen. Für jemanden, der sich – wie der Psalmist an anderer Stelle beschreibt – für sein Fasten und seine Frömmigkeit demütigt (Psalm 69,11), ist das doppelt bitter: Seine Ernsthaftigkeit vor Gott wird zum Witz gemacht, sowohl von den Respektablen als auch von den Verachteten.

Wichtig für den größeren Rahmen: Dieser Psalm gehört zu einer Gruppe von Klagepsalmen, in denen ein Einzelner (traditionell David, aber die Gemeinde Israels betete diese Worte über Jahrhunderte mit) sich unter dem Hass und Spott seiner Umgebung an Gott wendet. Solche Psalmen wurden im Tempelgottesdienst gesungen – öffentliches Klagen war Teil des gemeinsamen Gebetslebens, kein privates Tagebuch.

## Ursprache

Die hebräischen Wörter, die in diesem Abschnitt des Psalms den Ton angeben, sind nicht in erster Linie die Spottworte selbst, sondern die Worte, mit denen der Beter direkt danach antwortet – und genau da liegt die Pointe des ganzen Psalms. Statt zurückzuschimpfen, wählt er andere Worte: תְּפִלָּה (tᵉphillâh, H8605) – "Gebet", wörtlich eine Bitte, die sich einem anderen anvertraut, von der Wurzel "sich fürbittend hinwenden" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Dieses Wort steht im scharfen Gegensatz zu dem Geschwätz am Tor und den Spottliedern der Zecher: Beide reden über ihn, er redet zu Gott.

Dann עֵת (ʻêth, H6256) – "Zeit", und im Zusammenhang רָצוֹן (râtsôwn, H7522) – "Wohlgefallen, Gunst" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Zusammen ergeben sie die berühmte Wendung "zur Zeit des Wohlgefallens" – ein Moment, der Gott selbst als richtig und gnädig erscheint, egal wie sehr die Umstände für den Beter aussichtslos aussehen. Das ist eine steile Behauptung: Mitten in der öffentlichen Schande behauptet der Psalmist, dass gerade jetzt Gottes Gunstzeit ist.

Und schließlich zwei Worte, die Gottes Charakter beschreiben, auf den er sich beruft: חֶסֶד (chêçêd, H2617) – die treue, bindende Güte, die Gott seinem Bundesvolk hält, mehr als bloße Freundlichkeit, eher unerschütterliche Loyalität [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs) – und אֱמֶת (ʼemeth, H571) – Wahrheit, Verlässlichkeit, Festigkeit [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Gegen das flüchtige Gerede am Tor und die vergänglichen Trinklieder setzt der Beter etwas, das nicht wackelt: Gottes chesed und emet.

## Wie es auf Christus hinweist

Wenn du diesen Vers liest, ist es fast unmöglich, nicht an Karfreitag zu denken. Am Kreuz standen buchstäblich beide Gruppen aus dies

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Schlachter Bibel 1951, Genfer Bibelgesellschaft (CC BY 4.0)
