# Psalmen 116:1 (Schlachter 1951)

> Das ist mir lieb, daß der HERR meine Stimme und mein Flehen hört;

## Was es bedeutet

Schau dir den ersten Satz genau an: "Das ist mir lieb, daß der HERR meine Stimme und mein Flehen hört." Im Hebräischen steht da wörtlich etwas Merkwürdigeres, fast Abgehacktes: "Ich liebe – denn der HERR hört." Es fehlt zunächst das Objekt. Der Beter fängt an zu reden, bevor der Satz grammatisch fertig ist – als würde ihm die Liebe zu Gott aus dem Mund fallen, noch bevor er sie richtig formulieren kann [Keil-Delitzsch Old Testament Commentary](cite://s?id=keil-delitzsch). Manche alte Übersetzungen (die Septuaginta, die lateinische Vulgata) haben das geglättet zu "ich liebe, DASS der HERR hört" – so wie es auch Luther und diese Übersetzung wiedergeben. Aber der eigentliche, unpolierte Grundton ist: "Ich liebe den HERRN – warum? Weil er gehört hat."

Das ist keine allgemeine, fromme Aussage über Gottes Eigenschaften. Es ist die Reaktion eines Menschen, der in tödlicher Not war (das wird gleich in Vers 3 klar: "Die Bande des Todes hatten mich umfangen") und gerettet wurde. Die Liebe zu Gott wird hier nicht behauptet, sondern erklärt – aus einer konkreten Erfahrung heraus [Matthew Henry Bible Commentary](cite://s?id=matthew-henry). Leicht zu übersehen: "meine Stimme" und "mein Flehen" stehen im Singular des persönlichen Besitzes – das ist kein Tempelgebet für alle, sondern etwas sehr Eigenes, fast Intimes.

Psalm 116 gehört zu den "Hallel"-Psalmen (113–118), die beim Passahfest gesungen wurden – also genau die Lieder, die Jesus mit seinen Jüngern beim letzten Abendmahl gesungen haben dürfte (Matthäus 26:30). Wo im Buch der Psalmen dieser Vers steht, ist auch bedeutsam: Er eröffnet einen Dankpsalm, der aus persönlicher Rettung öffentliches Zeugnis macht (Verse 12-19). Ausleger sind sich uneinig, ob David selbst diesen Psalm in einer konkreten Todesgefahr schrieb, oder ob er später, nach der babylonischen Verbannung, als Danklied der ganzen Gemeinde verfasst wurde [Jamieson-Fausset-Brown](cite://s?id=jamieson-fausset-brown) – die genaue Entstehungssituation bleibt offen, aber der Grundton bleibt derselbe: Liebe, die aus Erhörung wächst.

## Historischer Hintergrund

Die Psalmen entstanden über Jahrhunderte, aber Psalm 116 gehört wahrscheinlich zu den späteren Stücken der Sammlung – manche Ausleger vermuten eine Entstehung nach der babylonischen Verbannung (also nach 538 v. Chr., als die Israeliten aus Babylon, wohin sie 586 v. Chr. deportiert worden waren, wieder nach Jerusalem zurückkehren durften). Andere halten an davidischer Verfasserschaft fest und denken an eine der vielen Situationen, in denen David um sein Leben fürchten musste – etwa auf der Flucht vor Saul oder vor seinem eigenen Sohn Absalom.

Was wir sicher wissen: Dieser Psalm gehört zu einer Gruppe von sechs Psalmen (113 bis 118), die man das "Ägyptische Hallel" nennt – "Hallel" heißt einfach "Lobpreis". Diese Psalmen wurden traditionell beim Passahfest gesungen, dem Fest, das an die Rettung aus der Sklaverei in Ägypten erinnert. Eine jüdische Familie am Passahabend sang die ersten zwei dieser Psalmen vor dem Essen und die restlichen vier danach. Das bedeutet: Wenn Jesus mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl feierte, kurz bevor er verhaftet wurde, haben sie höchstwahrscheinlich genau diesen Psalm gesungen – "Das ist mir lieb, daß der HERR meine Stimme und mein Flehen hört" – auf dem Weg zum Ölberg, in der Nacht, in der er selbst um sein Leben ringen würde (vgl. Matthäus 26:30).

Der Alltag, aus dem dieser Psalm kommt, ist nicht abstrakt: Menschen im alten Israel beteten nicht nur im Tempel, sondern schrien in echter Lebensgefahr zu Gott – bei Krankheit, Krieg, Verfolgung. Ein Gebet, das erhört wurde, war keine private, stille Erfahrung, sondern etwas, das öffentlich in der Tempelgemeinschaft gefeiert wurde, oft mit einem Dankopfer und einem lauten Zeugnis vor der versammelten Gemeinde (siehe Verse 17-19). Genau das kündigt sich hier im ersten Vers schon an.

## Ursprache

Das erste Wort, das wirklich zählt, ist אָהַב (ʼâhab, H157) – "lieben", mit dem Beiklang von echter Zuneigung, nicht nur pflichtgemäßer Loyalität [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Es ist dasselbe Wort, das auch für die Liebe zwischen Ehepartnern verwendet wird. Der Beter sagt nicht "ich respektiere den HERRN" oder "ich fürchte ihn" (was theologisch auch richtig wäre), sondern: ich habe Zuneigung zu ihm, mein Herz hängt an ihm.

Dann der Gottesname יְהֹוָה (Yᵉhôvâh, H3068) – der Eigenname Gottes, der Bund-Name, mit dem er sich Israel am Sinai offenbart hat [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Das ist kein "ein Gott" unter vielen, sondern DER Gott, der sich persönlich gebunden hat.

Das Verb שָׁמַע (shâmaʻ, H8085) heißt "hören", aber im Hebräischen fast immer mit dem Nebensinn "aufmerksam hören, reagieren, handeln" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs) – es ist dasselbe Wort, das in "Höre, Israel" (Schma Jisrael) steckt. Gott "hört" nicht nur passiv wie ein Mikrofon, sondern hört so, wie ein Vater hört, der aufsteht und handelt.

Zwei weitere Wörter zeichnen, was genau gehört wurde: קוֹל (qôwl, H6963), "Stimme, Laut" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs) – etwas Hörbares, Reales, kein bloßer Gedanke. Und תַּחֲנוּן (tachănûwn, H8469), "ernstes Flehen, Gnadengesuch" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs), abgeleitet von der Wurzel für "Gnade" (chanan) – das ist kein förmliches Gebet, sondern das Betteln eines Menschen, der weiß, dass er nichts verdient und nur auf Gnade hofft.

## Wie es auf Christus hinweist

Hier lohnt es sich, langsam zu werden. Der Hebräerbrief zitiert fast wörtlich das Bild aus diesem Psalm, wenn er von Jesus sagt: Er "hat in den Tagen seines Fleisches Bitten und Flehen mit starkem Geschrei und Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tode retten konnte, und ist auch erhört worden um seiner Gottesfurcht willen" (Hebräer 5:7). Das ist keine zufällige Ähnlichkeit – Jesus selbst hat im Garten Gethsemane genau das getan, was der Beter von Psalm 116 tut: geschrien, gefleht, in Todesgefahr, und Gott hat gehört [John Gill Bible Commentary](cite://s?id=john-gill).

Und wie schon in der historischen Betrachtung gesagt: Wenn Jesus mit seinen Jüngern beim letzten Abendmahl das Hallel sang, dann hat er buchstäblich diese Worte gesungen, kurz bevor er selbst in den Garten ging, um zu beten "Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber" (Matthäus 26:39). Stell dir das vor: Er singt "Ich liebe, dass der HERR meine Stimme hört" – wissend, dass er wenige Stunden später genau das erfahren wird, aber auf eine viel härtere Weise als David es je musste. Am Kreuz schien es, als würde Gott gerade nicht hören ("Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" – Matthäus 27:46). Aber die Auferstehung ist Gottes endgültige Antwort: Er hat gehört, er hat gerettet, aus dem Tod selbst heraus.

Das ist die tiefste Erfüllung dieses Verses: nicht nur, dass Jesus wie David gerettet wurde, sondern dass er der Eine ist, durch dessen erhörtes Gebet auch unser Schreien zu Gott jetzt Gehör findet (Johannes 16:24 – "bittet in meinem Namen"). Unsere Liebe zu Gott, wie die des Psalmisten, gründet nicht auf unserer Leistung, sondern darauf, dass er zuerst gehört, zuerst geliebt hat (1. Johannes 4:19).

## Für dein Leben

Frag dich ehrlich: Wann hast du zuletzt gesagt "ich liebe Gott" – nicht als Floskel, sondern weil dir gerade konkret klar wurde, dass er dich gehört hat? Der Psalmist liebt nicht, weil man das eben tun soll. Er liebt, weil etwas passiert ist. Er hat geschrien, in echter Angst, und Gott hat sich nicht weggedreht.

Das fordert dich an zwei Stellen heraus. Erstens: Schreist du überhaupt noch? Oder hast du dich längst daran gewöhnt, Gott höflich, distanziert, in fertigen Sätzen anzusprechen – aus Angst, zu ehrlich, zu roh, zu bedürftig zu wirken? Das hebräische Wort für "Flehen" hier ist kein elegantes Gebet, sondern ein Betteln, das weiß, es hat nichts vorzuweisen. Vielleicht musst du zuerst lernen, wieder so zu beten, bevor du je erleben kannst, was der Psalmist erlebt hat.

Zweitens: Kannst du zurückblicken und konkret benennen, wo Gott dich gehört hat? Nicht abstrakt – "Gott ist gut" –, sondern: hier, an diesem Tag, in dieser Not, hat er gehandelt. Wenn du das nicht kannst, ist die Frage nicht, ob Gott taub ist, sondern ob du zu beschäftigt warst, um hinzusehen.

Die Kosten dieses Verses sind nicht klein: Er verlangt, dass du dein Herz an die konkrete Geschichte deines Lebens bindest, nicht an ein allgemeines Gefühl von Frömmigkeit. Liebe, die nur aus Pflicht kommt, hält selten stand. Liebe, die aus erfahrener Rettung wächst, trägt durch alles. Wag es, so ehrlich zu beten wie dieser Beter – und dann wag es, so konkret dankbar zu werden wie er.

## Gebetsanliegen

- Herr, ich bekenne, dass ich dich oft aus Pflicht liebe und nicht aus wirklicher Zuneigung – schenk mir eine Liebe, die aus dem wächst, was du wirklich für mich getan hast.
- Vater, ich bringe dir mein ehrliches Flehen, ohne schöne Worte, so wie ich wirklich bin – hilf mir, nicht mehr höflich, sondern aufrichtig mit dir zu reden.
- Danke, dass Jesus im Garten Gethsemane geschrien hat und du ihn gehört hast, damit auch mein Schreien jetzt bei dir Gehör findet.
- Öffne mir die Augen für die konkreten Momente, in denen du meine Stimme schon gehört hast, damit ich nicht vergesse, dankbar zu sein.
- Gib mir den Mut, wie der Psalmist öffentlich zu bezeugen, was du für mich getan hast, statt es für mich zu behalten.

## Zum Nachdenken

- Wann hast du zuletzt Gott so roh und ungeschminkt angeschrien wie ein Mensch in echter Todesangst – und wann hast du nur noch höflich gebetet?
- Kannst du eine konkrete Situation benennen, in der du sicher weißt: Gott hat mich hier gehört? Wenn nicht – woran liegt das wirklich?
- Liebst du Gott, weil er handelt, oder liebst du eher ein Bild von Gott, das du dir gemacht hast?
- Was würde sich in deinem Gebetsleben ändern, wenn du glauben würdest, dass Gott dein Flehen tatsächlich hört – heute, jetzt, konkret?
- Wo müsstest du öffentlich – vor anderen Menschen – bezeugen, was Gott getan hat, aber schweigst lieber?

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https://dewfall.app/de/read/gersch:19:116:1

Schlachter Bibel 1951, Genfer Bibelgesellschaft (CC BY 4.0)
