# Psalmen 113:3 (Schlachter 1951)

> Vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang sei gelobt der Name des HERRN!

## Was es bedeutet

Schau dir den Satz genau an: "Vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang." Das ist keine Zeitangabe – gemeint ist nicht "von morgens bis abends" – sondern eine Raumangabe: von dort, wo die Sonne aufgeht (Osten), bis dorthin, wo sie untergeht (Westen) [John Gill Bible Commentary](cite://s?id=john-gill). Der Psalmist zeichnet mit einer einzigen Geste die ganze bewohnte Erde nach. Es ist, als würde er mit dem Finger einen riesigen Bogen über den Horizont ziehen und sagen: alles, was unter diesem Bogen liegt, soll den Namen des HERRN loben.

Das ist der dritte Vers eines Psalms, der mit "Halleluja" beginnt und endet – ein Loblied, das ganz bewusst als Rahmen gebaut ist [Matthew Henry Bible Commentary](cite://s?id=matthew-henry). Die Verse 1-3 sind der Aufruf zum Lob, gestaffelt in drei Kreisen, die immer weiter werden: "ihr Knechte des HERRN" (eine bestimmte Gruppe), dann "von nun an bis in Ewigkeit" (die Zeit), und jetzt in Vers 3 der Raum – die ganze Erde. Das Lob soll keine Grenze kennen: nicht zeitlich, nicht geographisch.

Leicht zu übersehen: Dieser Psalm wurde von Israeliten gesungen, einem kleinen Volk, umgeben von Großmächten, die ihre eigenen Sonnengötter anbeteten. Zu sagen "vom Aufgang bis zum Niedergang" gehört dem HERRN – nicht der Sonne selbst, die viele Nachbarvölker verehrten – ist eine stille, aber deutliche Kampfansage an jeden Götzendienst [John Gill Bible Commentary](cite://s?id=john-gill). Der Vers behauptet: Nicht die Sonne ist der Herr über Ost und West, sondern der, der die Sonne gemacht hat.

Wo Christen unterschiedlich lesen: Manche sehen hier vor allem einen universalen Missionsauftrag – eine Vorwegnahme dessen, dass eines Tages alle Völker Gott anbeten werden. Andere lesen es zurückhaltender, einfach als poetische Übertreibung für "überall, wo Menschen wohnen." Beides muss sich nicht widersprechen, aber es lohnt sich, den Unterschied zu kennen.

## Historischer Hintergrund

Psalm 113 gehört zu einer Gruppe von sechs Psalmen (113-118), die "Hallel" genannt werden – das hebräische Wort für "Lob." Diese Psalmen wurden beim jüdischen Passahfest gesungen, wahrscheinlich auch von Jesus und seinen Jüngern beim letzten Abendmahl (vergleiche Matthäus 26:30, wo es heißt, sie sangen einen Lobgesang, bevor sie zum Ölberg gingen). Wer den Psalm ursprünglich geschrieben hat und wann genau, wissen wir nicht mit Sicherheit – vermutlich stammt er aus der Zeit des ersten Tempels, also vor der babylonischen Eroberung Jerusalems im Jahr 586 v. Chr., wurde aber über Jahrhunderte im Gottesdienst weiterverwendet.

Israel lebte in einer Welt, in der jedes Volk seinen eigenen Nationalgott hatte, der über sein eigenes Territorium herrschte – die Ägypter hatten Ra, die Kanaaniter Baal, die Babylonier Marduk. Diese Götter waren an Land und Volk gebunden. Wenn Israel sang, dass der Name des HERRN "vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang" gelobt werden soll, war das eine radikale Behauptung: Ihr Gott ist nicht bloß der Stammesgott eines kleinen Bergvolkes zwischen Ägypten und Mesopotamien, sondern der Herr über die ganze Erde – über Völker, die ihn noch gar nicht kennen.

Das war keine selbstverständliche Aussage für ein Volk, das politisch oft klein, bedrängt und von größeren Reichen wie Assyrien, Babylon oder später Persien abhängig war. Gerade in solchen Zeiten der Schwäche behauptete Israel im Gottesdienst: unser Gott regiert über alles, auch über die Mächte, die uns gerade unterdrücken. Das ist der gleiche Ton, den du bei Maleachi 1:11 findest, wo fast wortgleich gesagt wird, dass Gottes Name "groß unter den Heiden" ist – geschrieben in einer Zeit, als Israel klein und der Tempel unbedeutend erschien, aber der Prophet trotzdem die weltweite Herrschaft Gottes verkündet.

## Ursprache

Zwei hebräische Wörter tragen den ganzen Vers: מִזְרָח (mizrâch, H4217), abgeleitet von der Wurzel "aufleuchten, hervorbrechen" – wörtlich der Ort, wo das Licht "ausbricht", also der Osten [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Und מָבוֹא (mâbôwʼ, H3996), das eigentlich "Eingang" oder "Eintritt" bedeutet, aber hier speziell den Sonnenuntergang bzw. den Westen meint [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Das ist ein schönes Bild: der Osten ist da, wo das Licht "herauskommt", der Westen ist da, wo es "hineingeht" – wie eine Tür.

Das Wort für "loben" ist הָלַל (hâlal, H1984) – genau die Wurzel, aus der auch "Halleluja" kommt. Ursprünglich bedeutet es "hell sein, leuchten, glänzen", und erst davon abgeleitet "rühmen, preisen" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Das ist kein Zufall in diesem Vers: Man lobt Gott, dessen Name selbst "leuchten" soll, mit einem Wort, das ursprünglich "leuchten" bedeutet – von der aufgehenden Sonne bis zur untergehenden.

Und dann שֵׁם (shêm, H8034) – "Name" – aber im Hebräischen viel schwerer als bei uns. Ein Name ist nicht nur ein Etikett, sondern trägt "Ehre, Ansehen, Charakter" in sich [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Den "Namen des HERRN" zu loben heißt nicht, ein Wort auszusprechen, sondern sein ganzes Wesen, seinen Ruf, sein Charakter anzuerkennen. Und der Name selbst, יְהֹוָה (Yᵉhôvâh, H3068), kommt von der Wurzel "sein" – der, der ist, der Ewige, der Selbst-Existierende [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Kein geliehener Name, keine Übersetzung – das ist Sein eigener, unaustauschbarer Name.

## Wie es auf Christus hinweist

Dieser Vers ist eine Verheißung, die noch auf ihre volle Erfüllung wartet – und du kannst genau sehen, wie sie sich in Jesus zu entfalten beginnt. Im Alten Testament war der Lobpreis des HERRN im Wesentlichen auf Israel begrenzt. Aber schon hier, in Psalm 113:3, und noch deutlicher bei Maleachi 1:11, blitzt eine Hoffnung auf: eines Tages wird der Name Gottes nicht nur in Jerusalem, sondern "vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang" – unter allen Völkern – groß sein.

Genau das setzt Jesus in Bewegung. Sein letzter Auftrag an seine Jünger war: "Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker" (Matthäus 28:19). Nicht mehr nur ein Volk, das Gott anbetet, sondern alle Nationen. Und Paulus beschreibt in Philipper 2:10-11 genau dieses universale Lob als Ziel der Erhöhung Christi: "damit in dem Namen Jesu sich alle Knie derer beugen, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind." Der Name, der geehrt werden soll, ist nun nicht mehr nur "der HERR" im Allgemeinen, sondern konkret der Name Jesu – der gleiche Gott, jetzt mit einem Gesicht und einer Geschichte.

Offenbarung 11:15, das dir auch als Querverweis angezeigt wird, zieht diese Linie ganz bis ans Ende: "Das Weltreich unsres Herrn und seines Gesalbten ist zustande gekommen, und er wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit." Das ist die Erfüllung dessen, wovon Psalm 113:3 nur träumt – eine Erde, auf der wirklich jeder Winkel, von Ost bis West, den Namen Gottes lobt, weil der König gekommen ist.

Du singst also, wenn du diesen Vers betest, nicht bloß ein altes jüdisches Gebet – du stimmst in eine Hoffnung ein, die in Christus schon angebrochen ist und die noch vollendet wird.

## Für dein Leben

Frag dich ehrlich: Wo hört dein Lob auf? Die meisten von uns loben Gott bequem – am Sonntagmorgen, wenn alles gut läuft, wenn die Musik passt. Aber dieser Vers zieht einen Kreis, der die ganze Erde umfasst, und lädt dich ein, in diesen Kreis mit deinem eigenen Alltag hineinzutreten: vom Moment, in dem du aufwachst (Sonnenaufgang), bis du abends erschöpft ins Bett fällst (Sonnenuntergang) – dazwischen liegt jede einzelne Stunde deines Tages, die eingeladen ist, Gott zu loben.

Das kostet etwas. Es ist leicht, Gott zu loben, wenn du in der Kirche sitzt. Es kostet dich etwas, ihn zu loben, wenn du im Stau stehst, wenn die Diagnose schlecht ausfällt, wenn der Kollege dich übergangen hat, wenn du um 3 Uhr nachts wach liegst und dir Sorgen machen. Der Vers sagt nicht "vom Aufgang bis zum Mittag" – er sagt "bis zum Niedergang." Das ganze Spektrum, auch die dunklen Stunden.

Und noch etwas kostet dich dieser Vers: Er zwingt dich, größer zu denken als dein eigenes kleines Leben. "Vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang" heißt: es gibt Menschen in Ländern, deren Namen du nicht kennst, die diesen Gott nie gehört haben, und dieser Vers sagt, dass sie eingeladen sind, ihn zu loben. Betest du für sie? Interessiert dich, dass der Name Gottes auch dort geehrt wird, wo du nie hinkommst? Lob, das nicht über deinen eigenen Zaun hinausblickt, ist noch nicht das Lob, von dem dieser Psalm spricht.

## Gebetsanliegen

- Herr, lehre mich, dich vom Moment meines Aufwachens bis zum Abend zu loben – nicht nur, wenn es mir leichtfällt.
- Ich bitte dich für die Nationen, die deinen Namen noch nicht kennen: lass dein Licht dorthin dringen, vom Aufgang bis zum Niedergang der Sonne.
- Vergib mir, wenn mein Lob klein und bequem geworden ist – öffne meine Augen für deine Größe über der ganzen Erde.
- Danke, dass dein Name nicht an ein Volk oder eine Zeit gebunden ist, sondern ewig und universal geehrt werden soll – lass mich Teil dieses Chores sein.
- Herr Jesus, lass dein Reich kommen, in dem wirklich jedes Knie sich beugt und jeder Mund deinen Namen preist.

## Zum Nachdenken

- Wann hast du zuletzt Gott gelobt, obwohl der Tag schlecht lief – nicht "trotzdem", sondern gerade deshalb?
- Denkst du bei "Lob Gottes" nur an dich und deine Gemeinde, oder auch an Menschen in Ländern, deren Sprache du nicht sprichst?
- Gibt es einen Bereich deines Tages – eine Stunde, eine Gewohnheit, ein Verhältnis –, den du bewusst aus deinem Lob Gottes ausschließt?
- Wenn Gottes Name "Ehre und Charakter" bedeutet, was sagt dein Leben diese Woche über seinen Charakter – nicht deine Worte, sondern deine Handlungen?
- Glaubst du wirklich, dass Gott eines Tages von jedem Winkel der Erde gelobt werden wird – und wenn ja, lebst du so, als würde dich das etwas angehen?

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https://dewfall.app/de/read/gersch:19:113:3

Schlachter Bibel 1951, Genfer Bibelgesellschaft (CC BY 4.0)
