# Hiob 3:5 (Schlachter 1951)

> Finsternis und Todesschatten nehme ihn ein, Gewölk umhülle ihn und überfalle diesen trüben Tag!

## Was es bedeutet

Stell dir die Szene vor: Sieben Tage lang hat Hiob geschwiegen, nachdem er Kinder, Besitz und Gesundheit verloren hat. Dann öffnet er den Mund – nicht um Gott zu segnen, sondern um seinen eigenen Geburtstag zu verfluchen. Vers 5 ist mitten in diesem Fluch. Hiob ruft Finsternis und Todesschatten auf, sich diesen Tag zu "nehmen" – wörtlich: ihn zu beanspruchen, wie ein Erbe sein Eigentum beansprucht. Das ist kein Zufall: Das hebräische Wort, das hier im Hintergrund steht, ist mit dem Begriff für den "Löser" oder "Bluträcher" verwandt – jemand, der als nächster Verwandter Eigentum zurückkauft [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Hiob dreht das Bild um: Nicht ein liebender Verwandter soll diesen Tag "erlösen", sondern die Finsternis soll ihn sich wie ein grimmiger Erbe zu eigen machen.

Dann wünscht er sich, dass Gewölk "wohne" auf diesem Tag – dasselbe Verb, das später für Gottes Wohnen in der Stiftshütte benutzt wird [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Hiob will, dass die Dunkelheit permanent Quartier bezieht, nicht nur vorbeizieht. Und schließlich: "die Verfinsterungen des Tages" sollen ihn "erschrecken" – als hätte der Tag selbst Angst vor sich.

Leicht zu übersehen: Hiob bittet nicht darum, jetzt zu sterben. Er will rückwirkend seine eigene Existenz aus dem Kalender streichen – eine Art Rückabwicklung der Schöpfung, eine Umkehrung von "Es werde Licht" (1. Mose 1,3). Dieser Vers steht am Scharnier des Buches: zwischen dem Prolog, in dem Hiob Gott noch segnet (Kapitel 1–2), und den langen Streitgesprächen mit seinen Freunden (Kapitel 4–37). Christen sind sich uneinig, wie man diese Rede werten soll: Ist das legitimes Klagen oder Sünde mit den Lippen? Beides scheint zuzutreffen – das Buch selbst hält diese Spannung aus, ohne sie aufzulösen [Matthew Henry Bible Commentary](cite://s?id=matthew-henry).

## Historischer Hintergrund

Wir wissen weder, wer das Buch Hiob geschrieben hat, noch genau wann – es gehört wahrscheinlich zu den ältesten Texten der Bibel. Die Geschichte selbst spielt in einer patriarchalischen Zeit, ähnlich wie bei Abraham: Reichtum wird in Viehherden gemessen, es gibt kein mosaisches Gesetz. Vermutlich wurde der Text irgendwann während der Zeit der israelitischen Königreiche (grob 1000–600 v. Chr.) aufgeschrieben oder redigiert, erzählt aber eine viel ältere Geschichte, die im zweiten Jahrtausend vor Christus angesiedelt sein könnte. Das "Land Uz", wo Hiob lebt, liegt vermutlich in der Gegend von Edom oder Arabien – außerhalb Israels, was zeigt: Diese Geschichte ist für Menschen aller Völker gedacht, nicht nur für Israel.

Das Buch gehört zur sogenannten Weisheitsliteratur, wie auch Sprüche und Prediger – Texte, die nicht in erster Linie Geschichte erzählen, sondern die harten Fragen des Lebens durchdenken: Warum leiden Gerechte? In der Welt der damaligen Zeit glaubte man, einzelne Tage könnten von Ritualspezialisten verflucht oder gesegnet werden – ein paar Verse später (Hiob 3,8) spricht Hiob sogar von "Verfluchern des Tages", vermutlich Menschen, die man dafür bezahlte, bestimmte Tage magisch mit Unglück zu belegen. Hiob greift dieses kulturelle Bild auf, dreht es aber ins Absurde: Er weiß eigentlich genau, dass niemand außer Gott selbst Zeit und Schöpfung kontrolliert – gerade deshalb ist sein Fluch so verzweifelt. Diese Rede in Kapitel 3 ist der Auslöser für alles, was danach kommt: Seine drei Freunde, die eigentlich gekommen waren, um zu trösten, beginnen jetzt, mit ihm zu streiten.

## Ursprache

**חֹשֶׁךְ (chôshek, H2822)** – "Finsternis", aber nicht nur die Abwesenheit von Licht, sondern bildlich auch Elend, Zerstörung, Tod, Unwissenheit [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Wenn Hiob dieses Wort benutzt, meint er nicht nur eine dunkle Nacht, sondern das ganze Gewicht von Katastrophe.

**צַלְמָוֶת (tsalmâveth, H6757)** – "Todesschatten", wörtlich verwandt mit den Wörtern für "Schatten" und "Tod". Es beschreibt das Grab, das Verhängnis [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Dasselbe Wort taucht in Psalm 23,4 auf – "das finstere Todestal" –, aber dort ist es ein Ort, durch den man mit Gott *hindurchgeht*. Hiob will, dass dieser Todesschatten den Tag komplett verschlingt, nicht nur durchqueren.

**גָּאַל (gâʼal, H1350)** – normalerweise "erlösen", das Verb für einen nächsten Verwandten, der Land zurückkauft oder eine Witwe heiratet, um die Familie zu bewahren [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Manche Übersetzer sehen dieses Wort im Hintergrund dieses Verses – dann würde Hiob sagen: "Lass Finsternis und Todesschatten diesen Tag *als ihr Eigentum beanspruchen*" [John Gill Bible Commentary](cite://s?id=john-gill). Eine bittere Ironie: Das Wort für den liebenden Löser wird hier zum Bild eines grimmigen Erben der Dunkelheit.

**שָׁכַן (shâkan, H7931)** – "wohnen, sich niederlassen, dauerhaft bleiben" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Dasselbe Wort steckt im hebräischen Begriff für die Stiftshütte, in der Gott unter seinem Volk wohnte. Hiob will, dass Wolken dort Quartier beziehen, wo eigentlich Licht sein sollte.

**כִּמְרִיר (kimrîyr, H3650)** – ein seltenes Wort für "Verfinsterung", fast wie eine Sonnenfinsternis [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs) – Hiob greift zu einem drastischen, seltenen Bild, weil normale Worte nicht reichen.

## Wie es auf Christus hinweist

Hiob wünscht sich Entschöpfung – Dunkelheit soll das Licht wieder verschlingen, genau umgekehrt zu "Es werde Licht" in 1. Mose 1,3. Die ganze Bibel bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung: von Finsternis zu Licht. Jesaja 9,2 – "das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht" – wird im Matthäusevangelium direkt auf Jesus angewendet, als er seinen Dienst in Galiläa beginnt (Matthäus 4,16). Johannes greift es noch schärfer auf: "Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst" (Johannes 1,5) – das ist die direkte Antwort auf Hiobs Wunsch. Wo Hiob will, dass die Dunkelheit sich dauerhaft niederlässt (shakan) über dem Tag seiner Geburt, sagt Johannes, dass das Wort Fleisch wurde und unter uns "wohnte" (dasselbe Wortfeld wie Stiftshütte) – nicht Dunkelheit, sondern Licht bezieht Quartier.

Und dann geschieht etwas Erschütterndes: Am Kreuz fällt tatsächlich für drei Stunden echte Finsternis über das Land (Matthäus 27,45) – der dunkelste Tag der Geschichte. Aber diese Finstern

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Schlachter Bibel 1951, Genfer Bibelgesellschaft (CC BY 4.0)
