# 2. Samuel 2:6 (Schlachter 1951)

> So erweise nun der HERR Barmherzigkeit und Treue auch an euch, und auch ich will euch Gutes tun, weil ihr solches getan habt.

## Was es bedeutet

Schau dir an, wo David gerade steht: Saul ist tot, David ist frisch zum König über Juda gesalbt, und eines seiner ersten Amtshandlungen ist – ein Dankesbrief. Nicht an Verbündete, nicht an Krieger, sondern an die Männer von Jabesch-Gilead, die unter Lebensgefahr die geschändeten Leichen Sauls und seiner Söhne von der Stadtmauer der Philister geholt und ehrenvoll begraben haben (2. Samuel 2:4-5). David sagt hier im Grunde: „Ihr habt meinem toten Feind – der auch mein König war – Treue erwiesen, als es nichts mehr zu gewinnen gab. Dafür will ich zweierlei: dass Gott euch das vergilt, und dass ich selbst euch das vergelte."

Der Satz hat zwei Bewegungen. Erstens ein Gebet: *„So erweise nun der HERR Barmherzigkeit und Treue auch an euch"* – David gibt die Sache erst einmal an Gott ab, er kann diesen Männern gar nicht das zurückgeben, was sie riskiert haben. Zweitens ein Versprechen: *„auch ich will euch Gutes tun"* – David selbst tritt in diese Kette der Treue ein, nicht nur als Bittsteller vor Gott, sondern als Handelnder. Was leicht zu übersehen ist: David lobt hier eine Loyalität gegenüber Saul – seinem eigenen Widersacher, dem Mann, der ihn jahrelang gejagt hat. Das ist kein billiges Lob. Es zeigt, wie David Treue als Wert an sich ehrt, unabhängig davon, wem sie zugutekam [Keil-Delitzsch Old Testament Commentary](cite://s?id=keil-delitzsch).

In der größeren Erzählung ist das der Auftakt zu Davids Königtum – noch bevor der Bürgerkrieg mit Ischboschet, Sauls Sohn, ausbricht (2. Samuel 2:8-11) [Matthew Henry Bible Commentary](cite://s?id=matthew-henry). Es gibt hier keinen großen theologischen Streitpunkt zwischen den Traditionen, aber manche Ausleger diskutieren, ob Davids „Gutes tun" nur ein Echo seines Gebets ist oder eine eigenständige, konkrete Zusage – John Gill etwa erwägt beide Lesarten [John Gill Bible Commentary](cite://s?id=john-gill).

## Historischer Hintergrund

Wir befinden uns kurz nach 1010 v. Chr., in den chaotischen Tagen nach der Schlacht auf dem Berg Gilboa, wo die Philister das israelitische Heer vernichtend geschlagen und König Saul samt drei Söhnen getötet haben (1. Samuel 31). Die Philister – die alte Erzfeindschaft Israels an der Mittelmeerküste – nagelten die Leichen an die Stadtmauer von Beth-Schean, eine öffentliche Demütigung, die zeigen sollte: euer König ist nichts als Aasfutter.

Die Männer von Jabesch-Gilead, eine Stadt östlich des Jordans, hörten davon und marschierten die ganze Nacht, um die Leichen zu holen, zu verbrennen und ehrenvoll zu begraben (1. Samuel 31:11-13). Das war kein kleines Risiko – sie stellten sich damit gegen die siegreichen Philister. Warum ausgerechnet diese Stadt? Saul hatte Jahre zuvor Jabesch-Gilead vor der Belagerung durch die Ammoniter gerettet (1. Samuel 11) – das war seine allererste königliche Tat. Diese Männer schuldeten Saul etwas und zahlten es zurück, als niemand mehr zusah.

David selbst sitzt zu diesem Zeitpunkt in Hebron, wo er gerade von den Männern Judas zum König gesalbt worden ist (2. Samuel 2:4) [Jamieson-Fausset-Brown](cite://s?id=jamieson-fausset-brown). Politisch ist die Lage brandgefährlich: Sauls Feldherr Abner will Sauls Sohn Ischboschet als Gegenkönig über den Rest Israels einsetzen, und ein Bürgerkrieg zwischen dem Haus Saul und dem Haus David steht unmittelbar bevor [Adam Clarke Bible Commentary](cite://s?id=adam-clarke). In dieser Spannung sendet David Boten nach Jabesch-Gilead – ein kluger und zugleich aufrichtiger Zug: Er ehrt öffentlich die Loyalität zu seinem toten Vorgänger und positioniert sich gleichzeitig als der rechtmäßige, dankbare Nachfolger, der Treue zu schätzen weiß.

## Ursprache

Zwei Wörter tragen dieses Gebet: **חֶסֶד** (*chêçêd*, H2617) und **אֱמֶת** (*ʼemeth*, H571) [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). *Chêçêd* wird oft mit „Gnade" oder „Barmherzigkeit" übersetzt, meint aber mehr als ein weiches Gefühl – es ist die treue, bündnisgebundene Güte, die jemand einem anderen erweist, weil eine Beziehung besteht, nicht weil es sich rechnet. Es ist dasselbe Wort, das in 2. Mose 34:6 Gottes eigenen Charakter beschreibt, als er sich Mose offenbart. *ʼEmeth* kommt von der Wurzel für „fest, verlässlich" (verwandt mit „Amen") – es ist Treue, die trägt, Zuverlässigkeit, auf die man sich stellen kann [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Zusammen bilden sie ein festes Wortpaar im Hebräischen: nicht bloß nette Worte, sondern die zwei Säulen, auf denen Gottes Bundestreue ruht.

Wichtig: David betet nicht nur, dass Gott freundlich zu ihnen ist – er betet, dass Gott ihnen genau das erweist, was sie Saul erwiesen haben. Das Wort **עָשָׂה** (*ʻâsâh*, H6213) – „tun, machen" – taucht gleich zweimal auf: „weil ihr **solches getan** habt" und „ich will euch **Gutes tun**" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). David spiegelt ihre Tat mit seiner eigenen Zusage. Und **טוֹב** (*ṭôwb*, H2896), „gut" – dasselbe Wort, das ganz am Anfang der Bibel über die Schöpfung gesagt wird –, ist hier ganz konkret gemeint: nicht abstrakt „gut", sondern greifbare Wohltat, die David noch tun wird [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Der Name **יְהֹוָה** (*Yᵉhôvâh*, H3068) schließlich ist der Bundesname Gottes – David appelliert nicht an einen fernen Gott, sondern an den, der sich Israel durch Eid verpflichtet hat.

## Wie es auf Christus hinweist

Das Wortpaar *chêçêd* und *ʼemeth* – Gnade und Treue – ist kein Zufall. Es ist derselbe Ausdruck, mit dem Gott sich selbst Mose offenbart: „der HERR, der barmherzig und gnädig ist … von großer Gnade und Treue" (2. Mose 34:6). David greift also auf das grundlegendste Selbstportrait Gottes zurück, wenn er für diese Männer betet. Und genau dieses Doppelgesicht Gottes – Gnade, die vergibt, und Treue, die trägt – findet seine vollste, greifbarste Gestalt in Jesus. Johannes sagt es fast wörtlich so: Jesus ist „voller Gnade und Wahrheit" (Johannes 1:14) – dieselben zwei Wörter, in derselben Reihenfolge, jetzt Fleisch geworden in einer konkreten Person.

Aber da ist noch etwas Feineres. David lobt hier Treue, die einem gebrochenen, sogar feindseligen König erwiesen wurde – Treue, die nichts zurückbekam außer Ehre für einen Toten. Das ist eine schwache, unvollkommene Vorschattung dessen, was Jesus fordert und selbst lebt: Liebe, die dem Feind gilt, nicht dem Freund (Matthäus 5:44). Und mehr noch: David selbst, der zukünftige König, tritt hier als der ein, der Gutes vergilt an Menschen, die es sich nicht durch Loyalität zu ihm selbst verdient haben – ein Vorgeschmack auf sein späteres Verhalten gegenüber Mefi-Boschet, Sauls lahmem Enkel, dem er „Gottes Barmherzigkeit" erweist um Jonatans willen (2. Samuel 9:7). Das ist genau die Bewegung des Evangeliums: der König, der Gnade erweist nicht weil sie verdient wurde, sondern weil eine frühere Bindung – ein Bund – ihn dazu bewegt. Christus ist der König, der uns Gutes tut, nicht weil wir treu waren, sondern weil er es ist, der treu bleibt, selbst wenn wir es nicht sind (2. Timotheus 2:13).

## Für dein Leben

Stell dir die Männer von Jabesch-Gilead vor: Sie taten das Richtige, als niemand zusah, als es sie hätte umbringen können, an einen toten König, der ihnen nichts mehr geben konnte. Keine Kamera, kein Applaus, kein Nutzen. Nur eine alte Schuld der Dankbarkeit, die sie einlösten, weil es richtig war.

Und dann David – noch bevor er im Bürgerkrieg gefestigt ist, noch bevor sein Thron sicher steht – nimmt sich die Zeit, das öffentlich zu würdigen. Das ist die Frage, die dieser Vers dir stellt: Bemerkst du Treue, die anderen nichts einbringt? Dankst du Menschen, die im Verborgenen das Richtige getan haben, oder übersiehst du sie, weil du selbst zu beschäftigt bist mit deinem eigenen Aufstieg?

Aber die tiefere Frage ist die nach dir selbst: Bist du treu, wenn es nichts kostet – oder auch, wenn es dich etwas kostet, wie es diese Männer ihre Sicherheit kostete? Treue, die nur bleibt, solange sie bequem ist, ist keine Treue, sie ist Berechnung. Gott sieht den Unterschied. Und die gute Nachricht dieses Verses ist: Er ist derselbe Gott, „barmherzig und treu", der genau solche verborgene Treue sieht und vergilt – auch wenn kein Mensch je davon erfährt. Das kostet dich etwas, wenn du es ernst nimmst: es bedeutet, dass du aufhören musst, für Applaus treu zu sein, und anfangen musst, treu zu sein, weil Gott es sieht. Wo in deinem Leben bist du gerade versucht, die stille, unbezahlte Loyalität aufzugeben, weil sie sich nicht auszahlt?

## Gebetsanliegen

- Herr, ich bitte dich um deine Gnade und Treue über den Menschen, denen ich Dank schulde und die ich noch nicht angemessen geehrt habe.
- Zeige mir, wo ich treu geblieben bin, ohne dass es jemand gesehen hat – und schenk mir Freude daran, dass du es siehst.
- Gib mir Mut, das Richtige zu tun, auch wenn es niemandem mehr nützt außer dir.
- Hilf mir, wie David zu leben: nicht nur für andere zu beten, sondern selbst zur Antwort auf mein Gebet zu werden.
- Danke, dass du der Gott bist, der Gnade und Wahrheit vollkommen in Jesus gezeigt hat – lehre mich, das in meinem Alltag widerzuspiegeln.

## Zum Nachdenken

- Wem bist du still treu geblieben, obwohl es dir nichts eingebracht hat – und wem hast du diese Treue verweigert, weil sie sich nicht lohnte?
- Wann hast du zuletzt jemandem konkret gedankt für eine Treue, die im Verborgenen geschah?
- Betest du für Menschen, die dir Gutes getan haben, oder vergisst du sie, sobald ihr Nutzen für dich vorbei ist?
- Was würde es dich kosten, jemandem gegenüber treu zu sein, der dir – wie Saul David – eigentlich feindlich gesinnt war oder ist?
- Glaubst du wirklich, dass Gott verborgene Treue sieht und vergilt, auch wenn kein Mensch sie je bemerkt?

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https://dewfall.app/de/read/gersch:10:2:6

Schlachter Bibel 1951, Genfer Bibelgesellschaft (CC BY 4.0)
